Schreine und Tempel im historischen Kofu

Am 26.04. bin ich dann mit Arbeitkollege Kinoshita um 10 Uhr zur Hauptstadt der Präfektur Yamanashi: Kofu aufgebrochen. Wir nahmen nicht die Mautstraße, da die Strecke nicht so weit war und ich so auch mehr von der Landschaft sehen konnte.

Obstplantagen sind in Japan schon interessant. Wo bei uns in Deutschland der Aufwand bei der Produktion hoch ist aber die Kosten niedrig bleiben müssen, werden in Japan reife Früchte mit Noppenfolie und weißem Papier eingepackt. Das machen die Obstbauern zum Teil bis in die Nacht, natürlich je nachdem wie groß die Flächen sind. Auch wenn es um die Bekämpfung von Krankheiten und Schädlingen geht und die Produkte am Ende in edlen Designerläden in roten Samtboxen in Tokyos Ginzaviertel landen, nehmen die Produzenten kein Blatt vor den Mund. Handarbeit wird immer noch sehr wertgeschätzt auch wenn Japan noch so hochtechnologisiert sein mag und dafür legen sich die Anbauer ins Zeug um die Anerkennung ihrer Kunden zu erhalten und die Nummer 1 zu sein! Für den normalen Supermarkt scheint der Aufwand aber nicht wesendlich geringer zu sein. In Japan ist Obst vor allem in der Hauptsaison oft sehr teuer und so schätzen die Einwohner die hohen Qualitätsstandarts. Nach dem Motto: „Wenn schon teuer, dann wenigstens was gutes!“ (obwohl es manche schon etwas teuer finden und sich über die Preise beschweren) Da merkt man als lebensmittelverwöhnter Deutscher, wie unterschiedlich andere Kulturen Nahrungsmittel wertschätzen. Vor allem ist Obst (Pfrisiche im Sommer) sind ein beliebtes Geschenk was einige meiner Arbeitskollgen ihren Eltern in der Heimat als Present haben zukommen lassen. Das gibt Grund zum nachdenken was wir von unseren Produkten in Zukunft verlangen aber da wir keine Insel sind wird sich daran wohl nichts ändern.

Aber ich schweife ab also wieder zurück zum eigentlichen Thema…

Nach einer nicht ganz so langen Fahrt merkte man schon das es in Kofu (300 Höhenmeter) um einiges wärmer als in Kobuchizawa auf gut 1000 Höhenmetern war. Die „Weinberge“ die ich bereits an meinem ersten der Anreise gesehen hatte, entpuppten sich als eigenwillige Überkopf-Erziehungssysteme bei der wohl jeder Winzer im Rheingau seine eigene Meinung dazu hätte. Aber was weis ich schon von Wein aus Yamanashi, deswegen waren wir ja nicht hergekommen!


Als wir einen nahegelegenen Parkplatz in der Nähe des Zenkoji Tempels gefunde hatten, machten wir uns auf zum Gelände des Tempels. Dieser Zenkoji Tempel existiert in Japan zwei mal, einmal hier in Kofu und dann in Nagano in der gleichnamigen Präfektur. Diese beiden Tempel steckten das Herrschaftsgebiet des Takeda Shingen (in Yamanashi ist dieser Name auch gleichzeitig der Begriff für Samurai) ab. Dieser war ein lokale Regionalfürst der einst in dieser Gegend herschte (ich habe sein Chansymbol auch seltsamerweise auf meinen Socken aus Deutschland, als meine Arbeitskollegen das gesehen haben meinten sie zum Spass das ich die Kraft von Takeda Shingen in den Beinen hätte :-D). Ein Fest zur Ehrung dieser Person oder zur Feier des Tempels findet alle paar Jahre statt und das scheinbar an beiden Tempeln gleichzeitig.

Erstmal haben wir uns auf der Tempelanlage umgesehen und Bilder vom Eingangstor aufgenommen:

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Eingangstor zum Zenkoji Tempel
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Innere Tempelanlage des Zenkoji

Unter anderem haben wir uns mit vorher gekauften Räucherstäbchen symbolisch gereinigt, danach die Holzsäule (die über ein Seil mit der Tempelgott im Innern des Tempels verbunden ist) berührt. Dieses Jahr hatte ich Glück, da man die Gottheit nur alle 7 Jahre zu Gesicht bekommt und sonst nur eben über die Säule Kontakt aufnehmen kann (dazu später mehr). Im mittelalterlichen Japan war dies dem einfachen Volk nie möglich. In der Nähe des Tempelgebäudes erhielt ich von einem Tempelmitarbeiter eine kostenlose Geschichtsstunde auf Englisch über diese Tempelanlage.

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Kleines Gebäude im Vordergrund: Metallwanne mit Sand um dort die Räucherstäbchen zu platzieren
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Kollege Kinoshita und ich an der Säule
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Geschichtsstunde auf Englisch
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Das Seil von der Tempelseite aus
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Das Seil verschwindet ins innere des Tempels

Danach sind wir natürlich in den Tempel selbst, allerdings war hier das fotografieren untersagt! Wir betraten den Tempel ohne Schuhe, also nur auf Socken wie der Krähenburg in Matsumoto. Im Eingangsbereich wurde man zu den Seiten umgeleitet um gleich darauf zur Tempelgottheit zu gelangen. Hier durfte man nur bis zu einer Markierung vortreten und die Gottheit bestaunen.

In der inneren Halle gab es noch eine Stelle wo man das eigene Klatschen der Hände hören konnte. Stelle man sich auf die auf den Holzdielen aufgemalten Fußabdrücke, konnte man (mit viel Phantasie) das Gebrülle eines Löwen wahrnehmen. So haben sich die Mönche damals wohl Mut gemacht, bevor sie vor die Gottheit traten.

In den Seitenbereichen des Tempels, war allerhand Kunst ausgestellt die mit Schrifttafeln versehen waren. Im hinteren Bereich konnte man in den vollkommen abgedunkelten Kellerraum gelangen, in welchem ein hölzener Schlüssel (der wieder über ein Seil mit der Gottheit über uns verbunden war) zu ertasten war. Eine weitere spannende Möglichkeit mit der Gottheit Kontakt aufzunehmen!

Als wir wieder unter freiem Himmel waren, habe ich noch einen Gesundheitsomamori (Glücksbringer für Unterwegs) gekauft.Die Frau welche mir den Talisman verkaufte war schon mal in Düsseldorf gewesen und ihr hatte es dort sehr gefallen (warum gerade Düsseldorf, dies war wohl die japanische Enklave in Deutschland als die Mauer noch Stand.)

Weiter ging es dann zu einen lokalen, angeblich sehr bedeutenden Shintoschrein ganz in der Nähe des Zenkoji. Hier war es ungewönlich still. Klar es war sehr heiß um die Mittagszeit aber doch sehr seltsam. Dann entdeckten wir, das im Schrein eine typisch japanische Beerdigung abgehalten wurde. Ein sehr seltener Anblick in Japan und zugleich hochinteressant. Wir wollten die Trauergäste allerdings nicht stören also haben wir uns nur noch kurz auf dem Gelände umgesehen bis wir uns weiter auf den Weg machten.

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Kornkreise auf die japanische Art 😉
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Shintoistische Glocke die von der Nacht vom 31.12. auf den 01.01. geläutet wird oder bei entsprechenden Ereignissen
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War schön schattig dort
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Schöner Teich
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Eimer zum Transport von Wasser um Grabsteine zu reinigen
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Das Gebäude wo die Beerdigungszeremonie abgehalten wurde

Bevor wir zum Highlight des heutigen Tages kamen, machten wir noch einen Abstecher zum Tempel und Grab von Takeda Shingens Frau. Der Auftieg über die Treppe war recht anstrengend aber als Entschädigung konnte man auf halber Höhe Buddhas Fußabdrücke bestaunen.

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Treppenaufgang zum Tempel
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Buddha lebte wohl auf großem Fuß 😀

Oben angekommen, stand neben dem Tempel auf einmal ein shintoistischer Glockenschrein. Tja, Japan kann manchmal sehr verwirrend mit seinen beiden Religionen sein. Oft sind sie getrennt, dann wieder wie hier zusammen an ein und dem selben Ort!

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Die Shintoglocke mit Friedhof dahinter
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Shintoistische Glocken haben kein Innenleben sondern werden mit einen Baumstamm angestoßen um einen dumpfen Klang zu erzeugen

Nach dem Besuch des Grabs von Takeda Shingens Frau, haben wir noch einen kurzen Blick über den restlichen Friedhof geworfen. Kollege Kinoshita machte es sehr spannend! Bevor wir zum Schrein von Takeda Shingen fuhren, machten wir noch einen kleinen Abstecher zu einem lokalen Recht unbedeutenden Schrein. Wahrscheinlich wollte er, dass ich mich an das Verbeugen vor dem Schreintor (Tori) gewöhne oder er wollte mich einfach nur auf die Folter spannen 😀

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Das Grab von Takeda Shingens Frau
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Blick über den Friedhof

Am besagten kleinen lokalen Schrein, war der Weg von Zeugnissen japanischer Religion gesäumt welche natürlich fleißig von mit abgelichtet wurden!

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Japanische Steinlaterne
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Zwei Tori mit dem Schrein ganz hinten im Bild
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Immer stehen zwei steinerne Löwenwächter am Eingang zu Schreinen
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Das japanische Gegenstück vom Grabmal des unbekannten Soldaten

Bevor wir aber den heiligen Schreinbereich betraten, galt es Mund und Hände mit Wasser zu reinigen. Das Ritual folgt einer gewissen Reihenfolge: mit der rechten Hand (samt der Schöpfkelle) wird das Wasser aus dem Becken geschöpft um damit die linke Hand abgespühlen, darauf folgt der Mund wobei Wasser in die Handinnenfläche gegeben wird. Mit der gesäuberten linken Hand, wird nun wieder Wasser geschöpft um schließlich die rechte Hand zu säubern. Am Ende wird noch ein letztes mal Wasser mit der Kelle geschöpft, über den Bambusgriff laufen gelassen und wieder zurück an ihren Platz gelegt. Linkshändler gehen diesen Ritus selbstverständlich in umgekehrter Reihenfolge an. Eine allgemeine Pflicht für diese Reinigung besteht aber nicht!

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Wasserstelle zum waschen von Mund und Händen vor betreten des Schreingeländes (keine Pflicht!)
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Schöpfkellen am Wasserbecken

Endlich kamen wir am Höhepunkt dieses Tages an Der Schrein, der dem Regionalfürsten Takeda Shingen gewidmet ist! Eine knallrot lackierte Holzbrücke führte und auf das Schreingelände…

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Eingang zu Shingens Ruhestätte

… weiter zu einem steinernen Tori.

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Verbeugung nicht vergessen 😉

Und wiedermal ging es daran sich vor dem Schreingebäude (gleichzeitig sein Grab) zu Ehren des Fürsten Shingen zu verbeugen und gebetet.

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Eingang zum Schreingebäude

Einige Lackwaren und Sakefässer mit dem Symbol des Shingen Clans waren vor dem Schrein aufgestellt.

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Großer lackierter Teller und ein Stapel Sakefässer

Daneben war dieser interessante Stein mit Moos ausgestellt. Wenn man ihn sich genauer betrachtete, konnte man eine kleine Miniaturlandschaft darauf erkennen. Der ganze Steinkomplex hatte die Form einer Schildkröte. Diese gilt in Japan für ein langes Leben.

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Sieht aus wie eine Schildkröte oder?
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Ein weiteres Schreingebäude

Weiter hinten im Gelände stand ein Brunnen über dessen langes Bambusrohr man ein plätschern hören konnte. Kollege Kinoshita meinte das die meisten Japaner das Geräusch als angenehm kühlend empfinden wenn sie es hören.

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Bambusrohr mit kühlendem Effekt
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Ansprechende Wasserstelle

Noch weiter hinten im Gelände in einem Wald gab es dann einen Stein mit einem Art Kriegsfächer darauf. Dieser wurde im feudalen Japan als Signalgeber für Truppenangriffe genutzt, also ein wichtiges taktisches Kriegshilfsmittel!

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Der Kriegsfächer unten mit dem Shingen Clanssymbol oben

Hier nun die vier berühmten Begriffe mit denen Takeda Shingen immer in die Schlacht zu ziehen pflegte: Fu, Rin, Ka, Zan „Wind, Wald, Feuer und Berg“. Die Bedeutung ist folgende:„Geschwindigkeit des Windes, Geschlossenheit des Waldes, Einfallen und Verwüsten wie Feuer, unbeweglich (unumschwenkbar) wie ein Berg“. Weiteres zu Takeda Shingen, habe ich ja bereits in einem Artikel von letztem Jahr erwähnt.

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Die vier großen Kanji (chin. Schriftzeichen) bedeuten: Fu, Rin, Ka, Zan (v.l.n.r.)

Vor dem Antritt zur Heimreise sahen wir uns noch eine Bühne des japanischen Noh-Theaters (traditionelle Theaterform die ohne Requisiten auf der Bühne auskommt nur die Kiefer im Hintergrund ist Deko, außerdem tragen alle Schauspieler Masken durch die sie mittles Kopfbewegungen alle Emotionen ausdrücken und spielen müssen) an und einen Baum der durch weiße gefaltete Bänder heilig gesprochen wurde. Im Shintoismus deutet man damit an, dass ein Stein, Baum oder ein Ort, eine besonders große Bedeutung in sich hat. Das ich beides schon wusste, verwunderte Kollge Kinoshita etwas. Tja ich hatte mich ja nicht erst gestern mit Japan beschäftigt 😛
Was mir aber neu war, dass durch die weißen gefaltete Bänder eine Art Grenze gezogen wurde. Sprich innen im Baum befand sich die reine Welt (Geisterwelt) und außerhalb dieser Grenze die unreine Welt (Welt der Lebenden). So genau kann ich mich aber nicht mehr an Kinoshitas Erklärung erinnern, wer aber mal einen guten Artikel über den Shintoismus findet, sollte auch das vielleicht erklärt bekommen.

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Typische japanische Bühne des Noh-Theaters
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Shintoistischer Baum

Der Tag neigte sich langsam dem Ende zu. Ich war Kollege Kinoshita für seine Geschichten unheimlich dankbar, sie haben mir die Bedeutung des großen Takeda Shingen verdeutlicht und diese historische Figur etwas lebendiger gemacht. Mittlerweile habe ich selbst bemerkt wie populär Shingen in der Popkultur ist. Es gibt Videospiele und japanische Zeichentrickserien mit oder über hin! Würde wir deutsche historische Figuren so verpacken und vermarkten, würden sich sicher auch mehr junge Menschen aktiv Geschichte interessieren! Aber wenn man mal sieht wie weit diese „Vermarktung“ in Japan geht, bekommt man doch so seine Bedenken über die Ernsthaftigkeit einer solchen Figur 😀

Verabschieden möchte ich mich mit diesen beiden Bildern:

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Rituelles Reinigungsbecken (haben wie diesmal ausgelassen)
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Bye Bye Takeda Shingen

Beim nächsten mal erfahrt ihr warum der heilige Berg Fuji (Fuji-san und nicht Fujiyama) so heilig ist und was man alles in einem Freizeitpark names: Fuji Q Highland erleben kann.

Ein Gedanke zu “Schreine und Tempel im historischen Kofu

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